Samstag, 19.12.2026, 19.30 Uhr
Congress Center Baden
Joseph Haydn
Die Schöpfung
Cornelia Hübsch, Sopran
Jörg Schneider, Tenor
Wolfgang Bankl, Bass
Philharmonisches Orchester Győr
Norbert Pfafflmeyer, Dirigent
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AUS EINEM ZWIEGESPRÄCH AUF SEHR HOHER EBENE HOCH ÜBER DEN ELYSISCHEN FELDERN ZWISCHEN CARNUNTUM UND ROHRAU
Römer: …ich habe mich ja demnach auch dankbar verpflichtet gefühlt, in meinen „Selbstbetrachtungen“ meiner Mutter zu gedenken, welche mich die Ehrfurcht vor den Göttern lehrte und mir somit auch das Wissen über diese. Das war das Fundament, von welchem aus ich weiterzudenken imstande wurde und von wo meine Erkenntnis ihren Ursprung genommen hatte, dass wir uns nur dann selbst zu erkennen vermögen, wenn wir wissen, woher wir kommen, nämlich aus dem Schoß und dem Wollen der göttlichen Schöpferkraft.
Österreicher: Ja, das ist schon so, der Glaube – welcher auch immer – ist ein durch die Eltern vermitteltes Geschenk aus göttlicher Gnade. Und freilich darf dort nicht stehengeblieben werden. Ich hab’s selbst erfahren. In meinem Metier bin ich nämlich lange Zeit ziemlich ungelenk und dilettantisch gewesen, ehe ich durch einen großen Meister (Anm.: = Johann Joseph Fux) die Richtung habe gewiesen bekommen; der sagt nämlich, dass wir wie überall auch in der Musik ganz zu allererst bei Gott beginnen müssen, denn er, der Schöpfer von Allem, ist auch die erste Ursache der Gesetze der Musik, welche wiederum vielfältigst mit den Gesetzen der Schönheit in Beziehung zu setzen sind.
Römer: Ja, die Schönheit…ist es nicht deren Sinn, auf jene göttliche Kraft zu verweisen, aus welcher sie ihr Schönsein hat? Es ist demnach ja durchaus nur äußerlich, wenn wir die Schönheit preisen. Wir fügen ihr damit nichts Weiteres an Qualität hinzu und können demnach keinen weiteren Erkenntnisgewinn haben.
Österreicher: Das ist wohl zutiefst wahr – und das war demnach eben das große Anliegen aller meiner musikalischen Unternehmungen: dass in der und durch die Vorstellung des Schönen im Hören jene Stimme zum Geist und zum Gefühl durchdringt, dem die Schönheit ihre Schönheit verdankt. Alles „erzählt die Ehre Gottes“ – der „Leviathan, der sich in den Tiefen des Meers wälzt“ und „das ‚Liebe‘ girrende zarte Taubenpaar.“ Und am Ende dann der Mensch „mit Würd‘ und Hoheit angetan“. Alles hat seine eigene Stimme, seine eigene Art zu singen.
Römer: Das ist ja in der Tat eine zutiefst beglückende Wahrnahme, dass Gott quasi in seiner Allnatur aus demselben „Wachs“ einmal ein Pferd formt, ein anderes Mal dann einen Baum, und wieder ein anderes Mal einen Menschen. Und sei es, wie es sei: ein reißender Tiger – ist er nicht herrlich in dieser ihm vom Schöpfer gegebenen Art, so herrlich wie eine Blume?
Österreicher: Je nun, ich habe auch dieses großen Katzentieres nicht vergessen und lasse es einen gelenkigen Sprung hinein in die Schöpfung vor den Ohren der hörend Betrachtenden machen. Freilich habe ich da selbst gut hinhören müssen; das hat es auch notwendig gemacht, die erlernten Gesetze „nicht aufzulösen“, wie mein Herr Jesus sagt, sondern sie – auf ihre Art angemessen „zu erfüllen.“ Da sind dann auch die ängstlichen Gesetzesweisen über mich hergefallen und wollten mir „Fehler“ sogar anhand meines Meisters vorhalten. Ich sagte ihnen: diese Art der Schönheit bedarf einer eigenen Auslegung der Gesetze und ich hab‘ bei solchen Stellen dann immer in die Partitur geschrieben: „Licenza“ (=Erlaubnis). Vielleicht mag es ja dann so amüsant wie nachdenklich machend sein, dass ich den durch die stille Nacht schleichenden Mond dies nach’grad extrem regelgetreu nach einem von meinem Meister Fux vorgegebenen Beispiel bewerkstelligen lasse.
Römer: Der Umgang mit den Gesetzen, mit dem Gesetz in uns…darüber nachzudenken, danach zu handeln – wie sehr war das meine Aufgabe, zumal hier in Carnuntum, wo ich stets über Krieg und Frieden habe entscheiden müssen. Wie, so musste ich mich fragen, bleibe ich Gottes Anteil in mir, meiner Seele, treu?
Österreicher: Ist es nicht eins – muss es nicht eins sein, Gott treu zu bleiben und sich selbst? Freilich in dem Wissen, dass wir fehlbar sind, aber gleichermaßen in dem gleichen Wissen um die Güte Gottes seiner ganzen Schöpfung gegenüber?
Römer: Dessen bin ich mir auch ganz sicher. Und nie habe ich es verstanden, wenn Menschen, zumal Philosophen, an der Existenz der Götter gezweifelt haben und demnach die Qualität des Alls auf Zufälligkeiten wie das Zueinanderfinden von Atomen und deren späteren Zerfall einschränkten. Ich sage: natürlich gibt es Götter und sie fördern unser Wohlergehen; und ja, ich habe sie wahrgenommen in dem, was ich um mich sehe.
Österreicher: Allein der Gedanke, dass Gott nicht mit uns wäre… – ich habe das versucht, in meiner Art auszudrücken: „Du nimmst den Odem weg…“ – zitternd, im ganz dunklen, aber letztlich nicht hoffnungslosen Ges-dur…
Römer: Ach – , eine solche Vorstellung – ist sie überhaupt realisierbar? Aber diese Frage stellt sich wohl nur für unsereinen. Denn wenn ich von den Göttern nichts weiß, von ihnen nichts wissen will, dann kann ich ja logischerweise von einer solch grauenvollen Vorstellung nie gequält werden. Viele haben daraus auch geschlossen, dass der Mensch erst wirklich Mensch, weil wirklich frei sei, wenn er erkannt hat und somit weiß, dass es keine Götter und somit eben keine Abhängigkeit von ihnen gibt, weil nicht geben kann. Oh, ich kannte deren genug und vor ihrem Spott bewahrte mich wohl – zumindest nach außenhin – mein Amt.
Österreicher: Nu freilich, solchen bin ich genauso begegnet – und die haben sich weiß Gott was zugutegehalten auf die Klarheit ihrer Anschauungen. Glaube heißt nix wissen, so haben sie’s verächtlich ausgedrückt und tun es bis heute. Aber ganz im Gegenteil: Glauben und Wissen – „quam bene conveniunt“ (=wie gut diese zusammenkommen) – ich ergänze: müssen. Denn: der Glaube fragt den Intellekt, oder er bleibt fruchtlos! Und eines müssen mir auch diese Menschen zugestehen: so ganz unvernünftig – oder was immer – wird unsereins doch nicht sein – da darf ich wohl nicht zu Unrecht – um irgendwas zu nennen – auf die Fugen in „meiner Schöpfung“ verweisen, oder? Und zum Zeichen habe ich meine jegliche Arbeit – sei’s für die Kirche, sei’s zur „weltlichen Unterhaltung“ – immer mit den Worten „in nomine Domine“ angefangen, um am Ende dann noch hinzuschreiben: „Fine. Laus Deo“. Und freilich: auch dazu stehe ich, dass Gott – wer denn sonst? – mir ein fröhliches Herz gegeben hat und ich ihm demnach auch fröhlich dienen will.
Römer: So ist es recht, und demnach wollen wir uns an den bescheidenen Kenntnissen – was sind diese gegen das göttliche Allwissen – die wir uns angeeignet haben erfreuen und an diesen unser Genügen finden. Und unsere Wege sollen die eines Menschen sein, der all sein Ergehen aus ganzem Herzen den Göttern anheimgestellt hat.
Österreicher: …der sich dann folgerichtig und aus tiefster Verantwortung wünschen darf, dass es nicht genügen kann, wenn Menschen, welche – unabhängig davon, woran sie glauben oder nicht glauben – sich uns und somit unserem Denken nähern am End‘ nur sagen: „schön war’s“.
Römer: Wohl wahr – das wäre viel zu wenig…
Österreicher: …so ist es mir heute noch erstaunlich, wie ich die Eingebung bekommen habe, dass jegliches Geschöpf sich zuallererst im Klang – demnach also körperlos – in der Schöpfung zeigt, erst dann findet sich das angemessene Wort.
Römer: Ita est et recte; primum anima, deinde corpus et inde unitas…
(=so ist es und so ist es rechtens; zuerst die Seele, danach der Körper und daraus die Einheit…)
Der Römer: Marcus Aurelius Antoninus, Römischer Kaiser und Philosoph, +180 in Carnuntum.
Der Österreicher: Joseph Haydn, Komponist, *1732 in Rohrau.
Aufgezeichnet von Johannes Leopold Mayer


