Samstag, 24.10.2026, 19.30 Uhr
Congress Center Baden
Bruckner
Symphonie Nr. 4 | „Romantische“
Wagner
Lohengrin | Vorspiel
Tristan und Isolde | Vorspiel und Liebestod
Cornelia Hübsch, Sopran
Brünner Philharmoniker
Norbert Pfafflmeyer, Dirigent
Ticketservice Congress Center Baden
Online: Ticketservice Congress Center Baden
E‑Mail: tickets.ccb@casinos.at
Tel: 02252 – 444 96 444
Restkarten an der Abendkasse
In den Gärten der Lüste
Wir schreiben den Gründonnerstag 1874: Anton Bruckner, Professor und Hoforganist in Wien, verbringt seinen Urlaub in St. Florian und nützt die Gelegenheit, an seiner geliebten großen Stiftsorgel zu improvisieren. In der Heiligen Woche des Leidens und Sterbens Jesu imaginiert er sich die erlösungsbringenden Stunden in Tönen; das ist gute alte österreichische Frömmigkeitstradition: dem Bedürfnis nach einem „Dabeisein“ am heiligsten Geschehen, wie es auch in den Krippen- und Passionsspielen verwirklicht werden soll. So wandelt Bruckner in seiner musikalischen Vorstellungskraft die fallenden Blutstropfen Jesu in ansteigende kurze Töne um – und nimmt diese akustische Vorstellungswelt dann hinein in den zweiten Satz seiner „IV.“, wo die gezupften Violinen und die Violoncelli solcherart mit einer langgezogenen hochernsten Melodie der Bratschen korrespondieren. Nun freilich: er bleibt glaubens-folgerichtig nicht hängen in der bangen klanglichen Darstellung dieses Erlösungsdramas – schon in diesem Satz blitzt kurz ein anderes Bild auf, jenes des erlösungsbewussten gläubigen Menschen, der sich schon einmal im Vorhinein und im Polkaschritt die aus der Verbannung zurückgekehrte Freude imaginiert. All das in der Bewusstheit, dass der Weg dahin noch lang ist und allerhand Anstrengungen erfordert ‑halt bis zum „Finale“.
Und selbstredend kommt alles zunächst von etwas her und hat seinen Ursprung – Bruckner lässt es uns zu Beginn dieser Symphonie deutlichst vernehmen: ja – es gibt sie, die „creatio ex nihilo“, die Schöpfung, die Gott aus dem Nichts gestaltet, so, wie es Bruckner als frommer katholischer Christ glaubend weiß. Hörbar entwickelt sich da aus einem solchen Nichts eines Tremolos das ganze thematische Geschehen, der ganze musikalische zu bearbeitende Gedankenschatz. Und so konkret wie kaum in einer seiner anderen Symphonien wird etwas, nein – wird ganz konkretes hörbar: das „Zizibe“ der Kohlmeise, eingebettet in ein vielstimmiges Geflecht und eine ruhige Gegenstimme der Bratschen. Bruckner berichtet, dass er bei einem Spaziergang diesen Vogelruf als etwas ganz Besonderes vernommen hat, um dann daraus jenes charakteristische Thema zu formen. Bei der Kohlmeise hat er sich im Nachhinein bedankt mit dem für ihn nicht untypischen Satz: „So, jetzt bist a drinn‘ in der Sinfonie, Du Rabenviech!“
Für die der österreichischen Sprechweise nicht allzu Kundigen sei’s sicherheitshalber erklärt: selbstverständlich hat Bruckner, der ausgebildete Lehrer, gewusst, dass die Kohlmeise (Parus major) kein Rabenvogel ist, sondern der Großfamilie der Sperlingsvögel angehört; „Rabenviech“ ist demnach nicht ornithologisch gemeint, sondern bezeichnet in diesem hiesigen Zusammenhang etwas besonders Herziges, das sich ganz unerwartet gezeigt hat. Das Gegenteil wäre gemeint, würde von einem „ådrahtn Råmviech“ die Rede sein.
Oh ja: der Karfreitagssatz und die „zizibeende“ Kohlmeise vertragen sich hier bestens, hier, auf dem Weg zum allerletzten Höhepunkt. Dazwischen sorgt Bruckner noch für allerhand Allotria – und er provozierte damit manche dumme Frag‘, auf welche er noch saudummer zu antworten gewusst hat. Einigen von Neugierde Geplagten, die genauestens wissen wollten, was das ¾‑Takt-Trio im jagdhornklanggesättigten Scherzo denn bedeuten möge, antwortete er – scheinbar – ganz arglos: „Dös san die Jäger beim Ess‘n“. Und er ließ durchblicken, dass man da gar den Schweinsbraten riechen könnte – Duftmusik sozusagen.
Für Schweinsbraten, G’selchtes, Most, Bier und Wein, sowie gleichermaßen auch für’s Tanzen hat Bruckner zeitlebens ordentlich was übriggehabt. Seine Begründung für derartige eigene Charakterzüge war jene, dass er als – österreichischer – Katholik eben quasi per traditionem eine „feurige Natur“ ist. Dieses Feuer, so lässt es sich erlauschen, lechzt berechtigter Weise nach unterschiedlichster Nahrung, um am Ende für andere das Feuerzeichen sein zu können, das – biblische – Licht, welches nicht unter den Scheffel gestellt werden darf! Am End‘ muss es demnach an Leuchtkraft enorm zugenommen haben – in diesem Falle im alles überstrahlenden und doch in sich bergenden finalen Es-dur – traditionell ist dies die Tonart der Muttergottes Maria – wo das zu Beginn aus dem Nichts gekommene Hornthema nun die höchste Höhe erklommen hat.
Ist das „Romantisch“? Je nun: Bruckner hat seine „IV.“ mit diesem Epitheton geschmückt – aber was heißt das – schon – bei ihm? Zudem merkt er in einem Brief einmal an, dass „romantisch“ für ihn unumgänglich mit dem Adjektiv „misteriös“, im religiösen Sinne als „geheimnisvoll“ zusammenhängt. Das Geheimnis der Schöpfung in ihren vielfachen Ausprägungen der Hoffnungen, Leidensängste und Freuden – ja, auch jener des Alltages, wie dem Schweinsbraten und dem „Zizibe“ – quod est demonstrandum – hörbar zu machen für unsereinen durch den Einen, der eben als Bruckner Teil dieser Schöpfung sein sollte!
Und wie anders ist da Wagner, zumal in seiner „Handlung in 3 Aufzügen“ – welch karg-trockene Definition – „Tristan und Isolde“! Wie er anders ist, das lässt sich schon am geistigen Antagonismus zwischen ihm und Bruckner ganz klarmachen: bei ihm die Philosophie Schopenhauers mit ihrer im Irgend-Nirgendwo angesiedelten „unbewußt höchsten Lust“, bei Bruckner die aus dem Glauben zur Vollendung kommende Konkretion. Freilich hat Bruckner Wagners Musik hochgeschätzt – wie übrigens gleichermaßen die Brüder Johann und Joseph Strauß -, ja, wie denn nicht! Aber – und Aussagen seiner Studierenden belegen dies zur Genüge – von der Lebensauffassung und der sich daraus ergebenden Moral, welche diese Musik zu verkünden weiß, da hat er sich deutlichst distanziert. Da lässt sich auch gleich anmerken, dass er im Gegensatz zu Wagner beispielhaft kein Antisemit gewesen ist! „Wie sollte ich das als Katholik sein können!“ – So seine vorbildhaft-schlichte Begründung.
Wagner, der wohl wirklich ein Genussmensch gewesen ist – nicht nur hinsichtlich der Kulinarik, sondern ebenso, was seine komplette Bekleidung oder die Qualität seines Bettzeuges betrifft – Rechnungen geben darüber amüsante Auskünfte – was mag er gemeint haben, wenn er für uns seiner Isolde die „unbewußt höchste Lust“ als deren Vermächtnis ans Herz legt? Ist es ein Übersteigen der im Vorspiel sich nach und nach und deutlich und deutlicher Gehör verschaffenden „Lust“ durchaus im erotischen Sinne? Ein „Garten der Lüste“, in welchem keiner mehr von irgendetwas nichts mehr nichts weiß – erst diese vielfache Negation von allem und nichts und zumal und vor allem von sich selbst – gewährt dieses „Höchste“! Ist das „romantisch“? Jedenfalls ist es ein Grund für bohrend-schöne Musik, deren halluzinogener Wirkung sich auszusetzen nun doch wahrlich „Lust“ – leiblicher wie geistiger Art – zu entfesseln vermag. Ja ist denn das nichts? Als ein Verehrer Wagners vor diesem überwältigt bei einer Probe auf der Bayreuther Bühne auf die Knie fiel, sagte der Komponist, ihm begütigend auf die Schulter klopfend: „Nur ruhig, wir vom Theater wissen doch, wie man dergleichen macht.“ Romantisch? Ach ja, es gibt doch den Begriff der „Romantischen Ironie“ – wovon viel nachzulesen wäre beim großen Joseph von Eichendorff:
„Den Lieben Gott lass‘ ich nur walten…“
Und das wäre gar keine andere Geschichte.
Johannes Leopold Mayer


