Samstag, 13.06.2026, 19.30 Uhr
Congress Center Baden
Arthur Honegger:
König David – Symphonischer Psalm in drei Teilen
Cornelius Obonya, Erzähler
Cornelia Horak, Sopran
Megan Kahts, Alt
Robert Bartneck, Tenor
Philharmonia Chor Wien
Philharmonisches Orchester Györ
Norbert Pfafflmeyer, Dirigent
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Tel: 02252 – 444 96 444
Restkarten an der Abendkasse
König Aschenbrödel
„David – wer? Ach ja, das ist doch der bekannte…sieht man oft auf Werbeplakaten und so. – Aber der heißt doch nicht Da- sondern Dä‑, oder ist das eh dasselbe?“
Nein, tun wir nicht so, als wäre ein noch so bekannter biblischer Name und dessen Träger oder Trägerin heute und bei den Menschen die „Heute“ zu ihrer Maxime erhoben haben, – noch – mit Selbstverständlichkeit bekannt.
Es ist daher wohl auch ganz hinfällig, den Zeiten nachzutrauern, wo derartige Gestalten volksläufig gewesen sind. Allenthalben können wir durch ein großes Kunstwerk wie Arthur Honeggers (1892–1955) „Le roi David“ uns selbst die berühmte „Gretchenfrage“ – ach, was war das nur g’rad? – stellen lassen: „Wie hältst Du‘s, wie halte ich es…“
Warum haben sich der aus dem Schweizer Kanton Vaud stammende Dichter René Morax (1873–1963) und sein Komponist gerade diese Gestalt vorgenommen, um an dieser das Wirken Gottes und die unterschiedlichsten, bis zum bewussten Widerspruch sich versteigenden Antworten eben dieses Menschen darauf zu zeigen? 1921 haben beide in ihrer ersten Zusammenarbeit dieses Werk geschaffen – im bewussten Nachdenken über den Ersten Weltkrieg und der daraus sich für sie ableitenden Notwendigkeit der Stärkung einer „Geistigen Landesverteidigung“ – ja, so durfte, konnte, musste man dergleichen damals nennen. In der nämlichen Haltung komponierte Honegger, mittlerweile eine Größe in der europäischen Musik, seine Légende dramatique „Nicolas de Flue“, wieder auf einen französischen Text, wiewohl der Hl. Nikolaus von der Flüe (1417–1487) ja ein Deutschschweizer gewesen ist.
Und beide Werke haben ihre dramaturgische Grundlage und ihren Auftrag darin, dass sie der Idee eines „Volkstheaters“, wie sie Morax für seine Heimat kreiert hatte, entsprechen. Wenn man so will, ist das ein Spagat zwischen allgemeiner Verständlichkeit – was nichts mit Banalität oder gar Primitivität zu tun hat – und höchstem künstlerischen Anspruch in Text und Musik. Eine Aufgabe, eine Herausforderung für die Kunst.
Morax und Honegger waren beide Bekenner der Schweizerisch-Reformierten Kirche nach Calvin und Zwingli. Allerdings keine mit Scheuklappen – Honegger beispielsweise vertonte in grandiosester Weise das Drama „Jeanne d’Arc au bûcher“ des bedeutendsten Vertreters des französischen „Renouveau catholique“, Paul Claudel (1868–1955) – so viel en passant zum Thema gemeinsames Denken und Handeln über respektierte Grenzen hinweg!
Honegger bezeichnet seinen „König David“ als „Symphonischen Psalm“ – nun ja, wie nahe ist er damit der Titelfigur, ist doch dieser König der große Psalmendichter. Der konnte seinen Gott ekstatisch-emphatisch loben, aber ebenso in tiefster Zerknirschung seine Sünden vor eben diesem seinem Gott bekennen.
Zu letzterem hatte er Gründe genug, er, der beispielsweise seinen besten Feldherrn Urias an die vorderste Frontlinie schickte, in der sich erfüllenden Hoffnung, dass dieser falle und er dessen nun verwitwete Frau, in die er sich gesetzeswidrig verschaut hatte, besitzen könne: „De profundis clamavi ad te, Domine…“ (Psalm CXXIX nach der Vulgata-Zählung).
Aber das war es gerade, was diese Person für Morax und Honegger zumal in solcher Zeit vorbildhaft gemacht hat: diese Ambivalenz, dessen Bewusstheit sowohl eigener Nähe als auch ebensolcher Ferne zu Gott – dies alles in der Unbegreiflichkeit der eigenen Berufung.
Denn, so berichtet es das Buch Samuel: David war der jüngste Sohn seines Vater Jesse – als Samuel kam, um unter dessen Söhnen den ihm von Gott gezeigten neuen König Israels zu salben, da war David gerade mit den Tieren auf der Weide – er war der Letzte in jeglicher Hinsicht. Aber der beauftragte Prophet ließ sich nicht täuschen von Glanz und Stärke der Älteren – im gerade heimkommenden erkannte er das berufene „Aschenbrödel“ und salbt David mit dem heiligen Öl.
Ganz der Idee des „Volkstheaters“ in der beschriebenen Form komponiert Honegger eine Musik, die keine Berührungsängste hat – Händel und der Gregorianische Choral werden hier ebenso fruchtbar gemacht wie die Errungenschaften seiner Zeit. Es geht hier eben nicht um „Modernität“, sondern um die Aufforderung zur Auseinandersetzung mit dem Dargestellten, die nicht zur Überforderung werden darf! Wenn man es also so will: das ist ein „demokratisches Kunstwerk“, ganz im Sinne der schweizerischen Demokratietradition, im Sinne des Anspruches einer Kunst für alle Menschen „bonae voluntatis“. O ja, das ist eine große Leistung innerhalb der europäischen Kunstgeschichte, nicht nur des 20.Jahrhunderts, die eine Gestalt, einen Menschen, welcher um 1000 vor Chr. gelebt, in ein Heute jenseits alles „Heutigen“ transferiert; einen gläubigen, irrenden, zurückfindenden, der in seinem eben keineswegs geradlinigen Leben mehr getan, geleistet hat, als – ach ja, eh – den Riesen Goliath zu besiegen.
Johannes Leopold Mayer


